Lebensrückblicke Marianne Aebersold
Weiterführende Information
Der Mensch entwickelt sich von der Geburt bis zum Tod. Dies belegen Ergebnisse verschiedener Altersstudien auf eindrückliche Weise. Die Psychologie spricht heute ganz selbstverständlich von der Entwicklung über die gesamte Lebensspanne. Auf der Suche nach Identität haben wir gemäss dem Psychoanalytiker Erikson Entwicklungsaufgaben zu lösen. Im letzten Lebensabschnitt geht es darum, das eigene Leben mit all seinen Höhen und Tiefen anzunehmen. Dabei fällt dem autobiografischen Erzählen eine besondere Bedeutung zu. Es dient der Sinnfindung und der Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte. Die Lebensrückschau hilft, Belastendes loszulassen, ist selbstwertstabilisierend und hat eine positive Wirkung auf das Wohlbefinden. Verschiedene Lebensrückblicksformen gelangen zur Anwendung und unterstützen den angestrebten Integrationsprozess auf wirkungsvolle Weise. Sehr gut geeignet für lebensgeschichtliche Begleitung ist der strukturierte Lebensrückblick nach Haight und Haight.
Das Entwicklungsmodell des Psychoanalytikers Erik H. Erikson ist die bekannteste Konzeption der Entwicklungsaufgaben über den gesamten Lebenslauf. Sie beschreibt acht Phasen, die in der Kindheit beginnen und durch das Erwachsenenalter hindurch fortschreiten. Jedem Stadium ist eine Entwicklungsaufgabe zugeordnet, die das Individuum auf der Suche nach Identität zu lösen hat. Im Alter - der letzten Lebensphase - geht es nach Erikson um die Bilanzierung des eigenen Lebens, um dessen Akzeptanz und um das Erlangen von Integrität. Die Ich-Integrität beschreibt der Psychoanalytiker als die Krönung, die Synthese aller Entwicklungsaufgaben.
Alle Menschen erzählen Geschichten aus ihrem Leben. Wir berichten von Vergangenem, von Gegenwärtigem und Zukünftigem. Unsere Geschichten machen unsere Identität aus. Erzählen braucht immer ein Gegenüber und hat eine wichtige soziale Funktion. Es tut gut, sich zu erinnern und erzählend den Erinnerungen Ausdruck zu geben. Freudvolles wie auch Leidvolles mitzuteilen stärkt und belebt. Die Narrationsforschung bestätigt, dass im Erzählen von Geschichten Emotionen verändert werden können. Wenn beim Erzählen das Eigene gewürdigt wird, bewirkt dies ein positives Gefühl von Freude und Verstanden werden. Selbst im Leiden spüren wir Trost allein durch die Bereitschaft eines Gegenübers, an der erzählten Not zuhörend teilzuhaben. Diese Resonanz kann heilend wirken. Wenn wir von bedeutsamen Ereignissen berichten, von Höhen und Tiefen in unserem Leben, begreifen wir, wer wir sind und verstehen unser „Gewordensein“.
Der Lebensrückblick als Interventionstechnik geht auf Robert N. Butler zurück. Der Gerontologe stellte in der Altersforschung fest, dass ältere Menschen ein natürliches Bedürfnis nach Rückschau und Bilanzierung haben. Diesem liegt der Wunsch nach Bewertung des Erlebten wie auch nach Bearbeitung von ungelösten Konflikten zugrunde. So schuf Butler bereits in den Sechzigerjahren die Grundlagen für den Lebensrückblick. Diese Interventionsform kommt einem Verarbeitungsprozess gleich und wird heute in Therapie, Beratung und Begleitung weltweit erfolgreich angewendet. Mit Fragen wird das Gegenüber zu autobiografischem Erinnern angeregt und darin unterstützt, die persönliche Lebensgeschichte zu beleben. Erzählend soll in der Rückschau emotionale Kontaktnahme mit der eigenen Geschichte möglich werden. Der Blick in die Vergangenheit dient der angestrebten Lebensbilanzierung. Ziel der Rückschau ist eine neue Deutung und Bewertung des gelebten Lebens, die zur Akzeptanz und schliesslich zur Integration führen, wie sie Erikson postuliert.
Untersuchungen und Studien belegen überzeugend die Wirksamkeit des ressourcenorientierten Lebensrückblicks.
Diese strukturierte Form ist ein geeignetes Instrumentarium für die Begleitung durch Menschen ohne therapeutische Ausbildung. Es handelt sich dabei ausdrücklich nicht um eine psychotherapeutische Intervention, sondern um Beziehungsgeschehen. Wichtigste Voraussetzung für das Gelingen des strukturierten Lebensrückblicks nach Haight und Haight ist die vertrauensvolle Beziehung in der Begleitung. Der Rückblick führt entlang der Lebenslinie von der frühen Kindheit bis zum späten Erwachsenenalter durch die Entwicklungsaufgaben nach Erikson. Er ist als Fragenfolge angelegt und dient dem/der Begleiter/in als Leitfaden. Das Gegenüber wird systematisch durch die Lebensalter geführt, wobei den beiden letzten Treffen eine besondere Bedeutung zukommt, wenn abschliessend das Leben als Ganzes in Blick genommen wird. Erfahrungen können neu eingeschätzt, umgedeutet und bewertet werden. Der eigenen Lebensspur folgend wird dem Erinnerten ein Wert gegeben und letztlich ein Zustand der Lebensannahme erreicht.
Literaturhinweise
Der Lebensrückblick in der Psychotherapie mit älteren Menschen;
Geneviève Grimm-Montel,
Reinhardt Verlag
Der Lebensrückblick in Therapie und Beratung;
A. Maercker, S. Forstmeier,
Springer Verlag
Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben. Die Kraft des Lebensrückblicks;
Verena Kast,
Kreuz Verlag
Biografiearbeit;
Monika Specht-Tomann,
Springer Verlag
Die innere Freiheit des Alterns;
Ingrid Riedel,
Patmos Verlag
Das bleibt in der Familie;
Sandra Konrad,
Piper Verlag
Der unbewusste Lebensplan;
Almut Schmale-Riedel,
Kösel-Verlag
Spiritual Care;
Brigitte Boothe, Eckhard Frick ,
Orell Füssli Verlag